
Über 100 Jahre Messungen
Persönliche Bemerkung von uns Autoren zu den bisherigen 5 historischen Aufnahmen
Wir zollen allen bisherigen und von uns teilweise wiederentdeckten Forschern unseren größten Respekt und möchten diesen deshalb auch unsere ausdrückliche und uneingeschränkte Anerkennung für ihre geleistete Arbeit zur historischen Erforschung der Charlottenhöhle im Nachinein zum Ausdruck bringen. Aus eigener Erfahrung kennen wir die Situation unter Tage aus der Höhle sehr genau, können uns aber durchaus auch gedanklich in die damaligen relativ einfachen und teilweise rudimentären Bedingungen unserer Vorgänger versetzen. Umso mehr müssen wir dann aber diesen unsere Wertschätzung für ihre damaligen geleisteten Arbeiten aussprechen, die unter wesentlich ungünstigeren Verhältnissen durchgeführt werden mussten. Ständige absolute Dunkelheit in der gesamten Höhle, nur Kerzenlicht oder Fackeln am Mann, mühsame Standortsuche für das Messinstrument, erschwerter Zugang zu jedem Messpunkt, höchst problematische Suche nach Sichtbarkeit und Messbarkeit zwischen Instrument und Messpunkt, Vermeidung von schmerzhaften Körperkontakten mit der Höhlenwand und -decke im Dunkeln sind einige der ständigen Beeinträchtigungen, die unsere Vorgänger ertragen mussten. Auch wenn die Charlottenhöhle relativ bald elektrisches Licht erhielt, so waren die hier ganz bewußt an der Decke montierten Kohlenbogenlampen weder besonders hell und strahlend, dafür verbrannten sie aber als offene Lichtbogen den Sauerstoff in der Luft und waren als elektrisch geladene Bauteile nicht gerade ungefährlich.

Gebiet aktueller Forschungen in der Charlottenhöhle

Andre Abele, Jonas Abele, Uwe Krüger, Susanne Prechtel et al., 2020
Die jüngsten Forschungen in der Charlottenhöhle erfolgten im Laufe des Jahres 2020, wo vom derzeitigen besucherzugänglichen Höhlenende aus weiter in Richtung W gearbeitet wurde. Das dabei erstmalig bearbeitete Gebiet weist eine Länge von ca. 60 m auf. Auf Grund der ersten von den beteiligten Forschern uns Autoren übermittelten Informationen wurde der topografische Plan der Charlottenhöhle entsprechend ergänzt. Weitere Auskünfte zu diesem neu erforschten Abschnitt bleiben selbstverständlich den oben angeführten Forschern aus Gründen des wissenschaftlichen Urheberrechtsschutzes vorbehalten.
Fazit dieses Zusammentragens aller bisherigen Messungen im Bereich der Charlottenhöhle und
Ausblick in eine Zukunft mit möglicherweise weiter reichenden Erkenntnissen
Die Idee zu dieser Arbeit entstand erstmalig 2019, als wir Autoren beide intensiv in einem Seitenraum des Höhlenschaulandes nach einem dort vermuteten Höhlenarchiv suchten. Hier standen Blechschränke mit eingestaubten Ordnern, von denen man hätte ohne Weiteres vermuten können, dass sie eventuell ein Archiv beinhalten. Tatsächlich waren dort auch jede Menge alter Vorgänge gelagert, die sich überwiegend mit verschiedensten Angelegenheiten der Charlottenhöhle befassten. Es handelte sich dabei um ein mehr oder weniger ungeordnetes Sammelsurium von Prospekten, Zeitungsausschnitten, Rechnungen, Briefen mit teils persönlichen Inhalten, Zeitzeugnissen, Notizen zu Kinderfesten und vielem anderem mehr, gesammelt in mehr als 70 Jahren. Es konnte auch nachvollzogen werden, dass sich dieses vorgefundene “Archiv“ einst in dem kleinen Wasserwerk neben dem Hürbeursprung befunden hatte, ehe es dann als Folge der Eingemeindung von Hürben nach Giengen 1972 den Weg in die alte Turnhalle fand, die später dann zum Höhlenschauland umgebaut wurde.
Auch die persönliche Befragung des Höhlenvereinsvorstandes, aktiver aber auch ehemaliger Höhlenführer sowie anderer noch verfügbarer, möglicher Zeitzeugen führte zwar manchmal zu netten, überraschenden aber oftmals auch nicht immer leicht nachprüfbaren Anekdoten aus der Vergangenheit. Doch leider gab es dabei nur sehr spärliche weiter verwendbare Informationen zum Zustand und den der generellen Erhaltung dienenden Arbeiten der Höhle. Auf einen Hinweis von Frau Brender-Nothnick wandten wir Autoren uns deshalb auch an das Stadtarchiv in Giengen, wo sich Archivar Dr. Usler mit bemerkenswertem Einsatz der Sache annahm. Er stellte uns das umfangreiche Findbuch der Stadt Giengen zur Verfügung, in welchem zeitlich und inhaltlich geordnet viele Ereignisse von Hürben seit mehr als 100 Jahren beschrieben waren. Hier fanden wir noch eine Reihe interessanter Einzelheiten, die zur Charlottenhöhle engen Bezug hatten. Immerhin trug auch diese Fundgrube dann doch noch einiges dazu bei, weiteres Licht ins allgemeine Dunkel der Vergangenheit der Höhle zu bringen.
Insgesamt betrachtet blieb uns aber letztlich doch nur der mühsame Weg übrig, all die mehr oder weniger zufällig gefundenen Schriftstücke, Grafiken, Literaturstellen und vielfältigen mündlichen Mitteilungen noch intensiver auszuwerten und zu versuchen, ob sich auf diesem Weg vielleicht doch noch weitere Informationsquellen erschließen ließen. Die bei diesem sehr zeitaufwändigen Unterfangen erzielte Ausbeute war quantitativ und qualitativ sehr unterschiedlich. Es gab recht ausführliche Beschreibungen zum ersten Auffinden der Charlottenhöhle durch die drei Zimmerleute und deren mühsamen Einstieg ins Hundsloch, wie auch für die Erstbegehung durch Dr. Fraas und später dann den Festakt mit Königin Charlotte. Doch dann nahm der Informationsfluss zu Zeiten des ausklingenden Kaiserreiches und des ersten Weltkrieges sehr schnell wieder ab. Zwar besuchten offensichtlich noch erfreulich viele Interessenten und Wissbegierige die neue Attraktion, berichtet wurde aber nur noch wenig darüber. Erst 1924 führte der Stuttgarter Geometer E. Mack eine weitere Vermessung durch, die er im Hinblick auf die Drucklegung der kleinen Wanderbroschüre “Führer durch Brenztal und Charlottenhöhle“ unternahm. Wiederum 30 Jahre später, im April 1954, unternahm der Schullehrer Manfred Keller eine neuerliche Vermessung der Charlottenhöhle. Von ihm existiert noch der Entwurf eines vorläufigen Plans in Bleistiftausführung auf transparentem Papier, in welchem er versuchte, die beiden Darstellungen von Grundriss und Aufriss in einer bislang noch nicht üblichen Art und Weise zu kombinieren. Dieser Plan wurde leider nie fertig und es steht zu vermuten, dass das Vorhaben von Keller in der von ihm vorgesehenen Art und Weise entweder nicht realisierbar war oder dass andere Ereignisse ihn davon abgehalten haben. Es findet sich nämlich im Findbuch der Stadt Giengen der Hinweis auf eine Niederschrift über ein “Schiedsgerichtsverfahren Friedrich Bänisch – Manfred Keller“ wegen eines fachlichen Disputs über die Charlottenhöhle. Es ist wohl als sicher anzunehmen, dass Keller die Vermessung und Untersuchung von klassischen Höhlen daraufhin abrupt aufgab und sich ab da nur noch Wasserhöhlen zuwandte, die er dann nachgewiesenermaßen auch recht erfolgreich erforschte. Es ist aus manchen Überlieferungen aber auch noch bekannt, dass sich die damaligen Protagonisten nicht immer positiv gegenüberstanden und dass offensichtlich ein gewisser Standesdünkel kombiniert mit fachlichem Neid und gegenseitigem Misstrauen vorhanden war.
Über die beiden Messungen von Mack und Keller konnten wir trotz intensivster Suche leider keinerlei vermessungstechnische Details mehr finden. Wir können aber ohne weiteren Einschränkungen davon ausgehen, dass beide wohl mit der damals in Württemberg gebräuchlichen Gerätekombination optischer Theodolit und Maßband bzw. 3-m-Stangen gearbeitet haben.
Nach diesen äußerst spärlichen Informationen zu den beiden Messungen in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts erbrachte der persönliche aufgenommene Kontakt von Wolf-Ulrich Böttinger zu Richard Frank, dem in der Höhlenszene als “Höhlenfrank“ wohlbekannten und einstmals sehr aktiven Forscher, die Kenntnis über zwei weitere Messungen. Richard Frank verwies nämlich noch auf eine frühere Messung, welche 1967 / 68 von Ulrich Köpf und anderen vorgenommen worden war. Darunter waren zufälligerweise mit den Herren Ende und Schubert auch zwei Ehemalige der Universität Stuttgart beteiligt, welche gelegentlich zu dieser Zeit auch von Wolf-Ulrich Böttinger während ihrer studentischen Ausbildung betreut worden waren. Richard Frank selber führte dann 1991 zusammen mit Herbert Jantschke und anderen eine sehr detaillierte Messung der Charlottenhöhle durch, welche nach dem damaligen höchstmöglichen Stand der Aufnahmetechnik erfolgte und die in dieser Art und Weise bis heute unübertroffen blieb.
Der mit den Forschern Köpf und Jantschke im Jahre 2021 hergestellte direkte persönliche und schriftliche Kontakt brachte uns Autoren doch noch eine ganze Reihe von weiteren Details aus früheren Forschertätigkeiten an der Charlottenhöhle. So hängt interessanter weise eine mittlerweile in die Jahre gekommene Plankopie von Ulrich Köpf immer noch an der Außenseite des Höhlenführerhauses neben dem Höhleneingang und informiert die Besucher über interessante Höhlendetails. Von Herbert Jantschke gibt es noch je einen vollständigen Satz von Grundriss- und Aufrissdarstellungen. Beide waren 1991 in sehr hoher Qualität angefertigt worden und beschrieben das Höhleninnere nach den damaligen Darstellungskriterien in ganz hervorragender und einmaliger Weise.
Nach meinem beruflich bedingten Umzug 1981 auf die Ostalb und vor allem dem Wechsel der Arbeitsstätte 1997 von Zeiss, Oberkochen, an die Hochschule für Technik in Stuttgart konnte ich jetzt weitere eigene und studentische Arbeiten an der Charlottenhöhle direkt vor Ort selber durchführen oder betreuen. So erfolgte 2003 eine Messung anlässlich einer Diplomarbeit mit der damals neu aufgekommenen Technik des Laserscanning, bei welcher das Messobjekt mit sehr vielen Einzelpunkten in einem engen Raster flächenhaft erfasst wird. 2016 wurde von anderen Studierenden eine Wiederholungsmessung mit dem neuesten Typ von Laserscanner durchgeführt, welche nach dem bis heute noch aktuellsten Stand der Technik erfolgte. Beide Aufnahmen lieferten nach aufwändigen Berechnungen äußerst sehenswerte, virtuelle Durchgänge hoher Qualität und Aussagekraft durch das Innere der Charlottenhöhle.
Der Blick auf mehr als 120 Jahre Mess- und Auswertetechniken bei Höhlenvermessungen zeigt eindrucksvoll die Fortschritte und die Innovationen, die in dieser Zeit erfolgt sind. Die anfangs rein punktuelle und profilweise Einzelpunktaufnahme des Höhleninneren basierte vollständig auf dem Können und Sachverstand des Messtruppleiters. Er definierte subjektiv nach eigenem Ermessen die aufzunehmende Folge von Einzelpunkten und gab damit dem Höhleninneren die für ihn erkennbare Struktur.
Die Laserscantechnik veränderte diese Aufnahmenmethode in eine weitgehend unpersönlich ablaufende, flächenhafte, rasterförmige und eher objektive Erfassung, bei welcher sehr viele Punkte in kürzester Zeit automatisch gemessen und samt Zusatzinformationen gespeichert wurden. Die ungleich höhere Punktdichte erfasste jetzt den sichtbaren Teil des Objekt vollständig ohne äußere, menschliche Steuerung. Damit wurde das Objekt mit sehr vielen Punkten erfasst und deutlich individueller beschrieben als zuvor.
Parallel zur Punktmessung des Laserscans werden heute aber auch noch hochauflösende farbige Photos des Objekts erstellt, die dieses im System der Messpunkte, also auch georeferenziert, optisch darstellen.
Ein weiterer Schwerpunkt der Messungen bei der Charlottenhöhle befasst sich naturgemäß aber auch immer mit der Suche nach bislang noch unbekannten Gängen und Hallen. Hier sind neben den Grabungen der Mitglieder des hiesigen Höhlenvereins seit einigen Jahren auch Wissenschaftler und Studierende der Ludwig Maximilian Universität München mit geophysikalischen Messungen tätig. Hierbei wird beispielsweise versucht, durch Anlegen und Messen eines elektrischen Feldes die Bodenstruktur auf Hohlräume hin näher zu untersuchen. Ob diese messtechnisch zwar einfache, aber auswertetechnisch hochkomplexe Methode oder eine andere, nämlich das Georadar, zu den gewünschten Erfolgen und Erkenntnissen im Untergrund führen werden, bleibt abzuwarten. Es handelt sich hierbei fast ausschließlich um absolutes wissenschaftliches Neuland, das erschlossen werden sollte. Noch stehen diese Messungen relativ am Anfang, für Aussagen auf eine Gewähr von Erfolgen und entsprechende neue Erkenntnisse ist es noch viel zu früh. Die Beteiligten tasten sich derzeit mess- und auswertetechnisch Schritt für Schritt voran. Auch ich sehe gewisse Chancen, meine eigenen praktischen Erfahrungen und mein Wissen über Gletschervermessungen mit dem Georadar nun auch im Kalkstein der Ostalb zur Höhlensuche einzusetzen. Möglicherweise ergeben sich dabei Synergieeffekte, an die man derzeit noch gar nicht denkt? Es bleibt also auch für uns Autoren spannend!
Und die gute, alte und klassische Vermessungstechnik ist und bleibt diesem Zusammenspiel von historischer Höhlenmessung, hochkomplexer Geophysik und neuerdings auch ganz moderner Drohnenmessungen das mathematisch - geometrisch basierte Verbindungsglied zwischen all den historischen und neuzeitlichen Messtechniken. Sie erfasst, verknüpft und kombiniert die geometrischen - optischen Sachverhalte und schafft so die Voraussetzungen für deren visuelle Darstellung und weiterführende zukunftsträchtige wissenschaftliche Anwendungen.